PiKVM verwandelt einen Raspberry Pi in ein vollwertiges IP-KVM: Du siehst das Bild des Zielrechners ab dem ersten Startbildschirm, tippst im BIOS herum, hängst ISO-Abbilder als virtuelles Laufwerk ein und schaltest die Maschine per Netzwerk ein und aus. Alles quelloffen, alles auf eigener Hardware, ohne Cloud-Dienst dazwischen.
Diese Anleitung führt durch den Aufbau mit dem Geekworm KVM-A3 für den Raspberry Pi 4. Wenn Du noch unentschieden bist, ob der Bausatz der richtige Weg ist, hilft vorher der Vergleich mit NanoKVM und JetKVM.
Was Du brauchst
| Teil | Anmerkung |
|---|---|
| Raspberry Pi 4 | nicht im Kit enthalten; 2 GB RAM genügen |
| Geekworm KVM-A3 | Aufsteckplatine mit HDMI-Erfassung und USB-OTG |
| Netzteil 5 V / 4 A | Geekworm empfiehlt ausdrücklich 20 Watt – schwächere Netzteile führen zu sporadischen Abstürzen |
| microSD-Karte | 16 GB reichen, Marken-Karte nehmen |
| HDMI-Kabel | vom Grafikausgang des Zielrechners zur Platine |
| USB-C-Kabel | für die Tastatur-/Maus-Emulation zum Zielrechner |
| Netzwerkkabel | am besten ein eigener Weg ins Netz, nicht derselbe Switch wie der Server |
| ATX-Kabel | optional, aber sehr empfohlen – zum Front-Panel des Mainboards |
Zur Kostenwahrheit: Das Kit kostet rund 89 Euro, mit Pi 4, Netzteil und Karte landest Du bei etwa 150 bis 170 Euro. Das ist kein Argument gegen PiKVM – aber es ist der Bereich, in dem auch fertige Geräte spielen.
Schritt 1: Das richtige Abbild wählen
PiKVM gibt es in mehreren Ausführungen, die sich nach der Art der Bilderfassung unterscheiden. Für das KVM-A3 mit Raspberry Pi 4 brauchst Du das Abbild für V3 mit HDMI-über-CSI. Die Platine bringt einen HDMI-nach-CSI-Wandler mit, das Bild geht also nicht über USB, sondern direkt über die Kameraschnittstelle des Pi – das ist der Grund für die niedrige Verzögerung.
Nimm nicht das V2-USB-Abbild. Es läuft zwar, nutzt aber die Erfassungshardware der Platine nicht und liefert ein spürbar schlechteres Ergebnis. Das Geekworm-Kit ist ausdrücklich nur mit dem V3-Abbild kompatibel.
Schritt 2: Karte schreiben
Am einfachsten geht das mit dem Raspberry Pi Imager: Abbild als eigene Datei auswählen, Karte wählen, schreiben. Unter Linux geht es auch direkt – dabei den Zielpfad sehr genau prüfen, ein falscher Buchstabe überschreibt die falsche Platte:
# Vorhandene Datentraeger anzeigen und den richtigen identifizieren
lsblk -o NAME,SIZE,MODEL,MOUNTPOINT
# Abbild schreiben (sdX durch den tatsaechlichen Datentraeger ersetzen!)
xzcat pikvm-v3-hdmi-rpi4.img.xz | sudo dd of=/dev/sdX bs=4M status=progress conv=fsyncKarte in den Pi, Netzwerkkabel anstecken, Strom dran. Der erste Start dauert etwas – das Dateisystem wird auf die Kartengröße erweitert.
Schritt 3: Erster Zugriff
PiKVM meldet sich per DHCP im Netzwerk und ist unter dem Namen pikvm erreichbar. Findest Du ihn nicht, hilft ein Blick in die Leasing-Liste des Routers oder ein Scan:
# Im eigenen Netz nach dem Geraet suchen (Netzbereich anpassen)
nmap -sn 192.168.1.0/24 | grep -B2 -i "raspberry\|pikvm"Danach im Browser https://pikvm oder https://IP-ADRESSE öffnen. Das Zertifikat ist selbst ausgestellt – die Warnung ist an dieser Stelle normal.
Die Werkszugangsdaten lauten admin / admin. Genau hier liegt das größte Risiko der ganzen Anleitung: Ein IP-KVM mit Standardpasswort ist ein offener Zugang zur Hardware. Ändere es, bevor Du irgendetwas anderes tust.
Schritt 4: Passwörter ändern – bevor Du weitermachst
PiKVM startet mit einem schreibgeschützten Dateisystem. Das schont die SD-Karte, heißt aber: Vor jeder Änderung musst Du es beschreibbar schalten und danach wieder zurück.
# Per SSH verbinden (Werkszugang root / root)
ssh root@pikvm
# Dateisystem beschreibbar schalten
rw
# Passwort fuer die Weboberflaeche setzen
kvmd-htpasswd set admin
# Passwort des Systembenutzers setzen
passwd root
# Wieder schreibgeschuetzt schalten – nicht vergessen
roDas ro am Ende ist kein Schönheitsfehler, wenn es fehlt: Ein schreibend eingehängtes Dateisystem auf einer SD-Karte übersteht einen harten Stromausfall oft nicht.
Schritt 5: Verkabelung zum Zielrechner
- HDMI vom Grafikausgang des Zielrechners in den HDMI-Eingang der Platine. Der Zielrechner erkennt das als Monitor.
- USB-C von der OTG-Buchse der Platine an einen USB-Anschluss des Zielrechners. Darüber laufen Tastatur, Maus und später das virtuelle Laufwerk.
- Strom an den Pi – über das eigene Netzteil, nicht vom Zielrechner. Sonst ist Dein Notfallzugang aus, sobald der Rechner aus ist.
- Netzwerk an den Pi.
Punkt 3 ist der, an dem die meisten Aufbauten hinterher scheitern. Ein IP-KVM, das seinen Strom von der Maschine bezieht, die es überwachen soll, hilft im Ernstfall nicht.
ATX-Steuerung anschließen
Damit Du den Rechner auch einschalten kannst, wird das ATX-Kabel zwischen Front-Panel-Anschluss des Mainboards und der Platine eingeschleift. Das IP-KVM übernimmt dann die Rolle des Einschaltknopfes – kurzer Impuls für Power, langer für hartes Ausschalten, separater Kontakt für Reset.
Die Belegung des Front-Panel-Anschlusses steht im Mainboard-Handbuch. Zwei Punkte aus der Praxis: Polarität beachten – Power-Schalter und LED sind nicht dasselbe. Und den Rechner beim Anschließen vom Netz nehmen.
Schritt 6: Prüfen, ob alles läuft
Im Webinterface sollte nun das Bild des Zielrechners erscheinen. Wenn nicht, arbeite diese Liste ab:
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache |
|---|---|
| Kein Bild, Zielrechner läuft | Falsches Abbild (V2 statt V3) oder HDMI am falschen Ausgang |
| Bild da, Tastatur ohne Wirkung | USB-C-Kabel steckt in der falschen Buchse oder ist ein reines Ladekabel |
| Pi startet sporadisch neu | Netzteil zu schwach – 5 V / 4 A sind kein Vorschlag |
| Bild flackert oder bricht ab | HDMI-Kabel oder Auflösung; testweise auf 1080p festlegen |
| Interface nicht erreichbar | DHCP-Adresse geändert – feste Adresse vergeben |
| Kein Bild beim Start, erst später | Zielrechner gibt vor dem Bootlogo kein Signal aus – normal bei manchen Boards |
Zur zweiten Zeile: Viele billige USB-C-Kabel führen nur Stromadern und keine Datenleitungen. Wenn Bild da ist und Eingaben nicht ankommen, ist das der erste Verdacht.
Zur vierten Zeile: HDMI-Erfassung reagiert empfindlich auf grenzwertige Kabel. Die Zusammenhänge stehen unter HDMI-Kabellänge und HDMI kein Signal.
Schritt 7: Feste IP-Adresse vergeben
Ein Notfallzugang, dessen Adresse sich ändern kann, ist unpraktisch. Am saubersten vergibst Du die feste Adresse im Router als DHCP-Reservierung – dann bleibt die Konfiguration auf dem Pi unangetastet und übersteht jede Aktualisierung.
Willst Du es doch auf dem Gerät festlegen, geht das über systemd-networkd:
rw
nano /etc/systemd/network/eth0.network
# Inhalt:
# [Match]
# Name=eth0
#
# [Network]
# Address=192.168.1.50/24
# Gateway=192.168.1.1
# DNS=192.168.1.1
systemctl restart systemd-networkd
roWas Du danach noch tun solltest
- Zugriff absichern. PiKVM gehört nie direkt ins Internet. Wie es richtig geht, steht unter IP-KVM absichern.
- Fernzugriff über VPN einrichten – siehe IP-KVM per Tailscale oder WireGuard.
- Virtuelles Laufwerk testen. Lade ein kleines ISO hoch und prüfe, ob der Zielrechner davon bootet. Das willst Du wissen, bevor Du es brauchst.
- ATX-Steuerung testen. Einmal aus- und wieder einschalten. Auch das prüft man besser vorher.
Punkt 3 und 4 sind die, die im Ernstfall den Unterschied machen. Ein Notfallzugang, den man nie ausprobiert hat, ist eine Vermutung.
Häufige Fragen
Funktioniert das auch mit einem Raspberry Pi 5?
Das KVM-A3 ist ausdrücklich nur für den Pi 4 angegeben. Die Kameraschnittstelle des Pi 5 unterscheidet sich, und PiKVM-Abbilder für Pi 4 laufen dort nicht ohne Weiteres. Halte Dich an die Herstellerangabe.
Kann ich PiKVM ohne die Aufsteckplatine nutzen?
Ja, mit einem USB-HDMI-Erfassungsstick und dem V2-Abbild. Bildqualität und Verzögerung sind dann aber deutlich schlechter, und die ATX-Steuerung fehlt.
Wie viel Strom braucht der Aufbau?
Rechne mit 10 bis 15 Watt im Betrieb. Das empfohlene 20-Watt-Netzteil ist bewusst großzügig – die HDMI-Erfassung erzeugt Lastspitzen, bei denen schwache Netzteile einbrechen.
Wird PiKVM warm?
Ja, spürbar. Der Pi 4 mit aktiver Bilderfassung läuft dauerhaft unter Last. Kühlkörper sind Pflicht, in einem geschlossenen Gehäuse besser ein kleiner Lüfter.
Kann ich mehrere Rechner an einem PiKVM betreiben?
Nicht direkt. Möglich ist ein KVM-Switch zwischen PiKVM und den Rechnern – das funktioniert, macht die Kette aber fehleranfälliger und die ATX-Steuerung komplizierter.
Fazit
PiKVM ist der flexibelste der drei Wege zum eigenen IP-KVM – quelloffen, ohne Cloud-Zwang, mit einer sehr aktiven Gemeinschaft. Der Preis dafür sind Zusammenbau, ein Abbild und gelegentliche Pflege.
Die drei Punkte, an denen Aufbauten typischerweise scheitern: zu schwaches Netzteil, USB-C-Kabel ohne Datenleitungen und Stromversorgung vom Zielrechner statt separat. Wer die vermeidet, hat in einer guten Stunde einen Zugang, der auch dann noch funktioniert, wenn sonst nichts mehr geht.
Der nächste und wichtigste Schritt ist jetzt IP-KVM absichern – ein PiKVM mit Werkspasswort ist gefährlicher als gar kein Fernzugang.
