Der Markt für bezahlbare IP-KVMs ist noch jung. Vor wenigen Jahren kostete ein Gerät, mit dem man einen Rechner auf BIOS-Ebene fernsteuern konnte, mehrere hundert Euro. Heute gibt es drei ernstzunehmende Wege unter 200 Euro – und sie unterscheiden sich stärker, als die Datenblätter vermuten lassen.
Dieser Vergleich stellt NanoKVM, JetKVM und PiKVM nebeneinander: was sie können, was sie wirklich kosten und für wen welcher Weg der richtige ist. Die Grundlagen – was ein IP-KVM überhaupt tut – stehen unter IP-KVM: Server ohne Monitor fernsteuern.
Die Kurzfassung
| NanoKVM | JetKVM | PiKVM (Bausatz) | |
|---|---|---|---|
| Grundpreis | ab ca. 48 € | derzeit nicht lieferbar | ca. 89 € (nur Kit) |
| Tatsächliche Kosten | 48–154 € | – | ca. 150–170 € mit Pi 4 |
| Auflösung | 1080p (Pro: 4K) | 1080p bei 60 Hz | 1080p |
| Verzögerung (Herstellerangabe) | 90–230 ms | 30–60 ms | je nach Aufbau |
| Netzwerk | 100 Mbit (Pro: Gigabit) | Ethernet | Gigabit über den Pi |
| Quelloffen | teilweise | ja | ja |
| Aufwand | auspacken, anstecken | auspacken, anstecken | Zusammenbau + Image |
| Passt zu | den meisten | wenn wieder lieferbar | Bastlern, Pi vorhanden |
Die zweite Zeile ist der Punkt, den Preisvergleiche gern verschlucken: Beim PiKVM-Bausatz ist der Raspberry Pi nicht dabei. Der Kit-Preis ist nur die halbe Rechnung.
NanoKVM: der pragmatische Einstieg
Sipeeds NanoKVM basiert auf dem LicheeRV Nano – einem RISC-V-Einplatinenrechner mit 1-GHz-C906-Kern. Das Gerät nimmt HDMI entgegen, meldet sich beim Zielrechner per USB als Tastatur und Maus an und liefert das Bild per MJPEG oder H.264 ins Webinterface.
Die Varianten
- Lite Set (ca. 48 €) – die nackte Platine, 100-Mbit-Ethernet, 1080p.
- Full Set (ca. 69 €) – dasselbe mit Gehäuse und Zubehör.
- Pro (ca. 154 €) – anderes Kaliber: Dual-Core Cortex-A53, 1 GB LPDDR4X, 32 GB eMMC, Gigabit-Ethernet, 4K, optional PoE- und WiFi-6-Modul, wahlweise im ATX- oder Rack-Gehäuse.
Achtung beim Kauf: Die Amazon-Angebote von Lite und Full tragen praktisch identische Beschreibungstexte. Welche Variante tatsächlich im Karton liegt, steht nur in der Variantenauswahl – lies die genau, bevor Du bestellst.
Wofür der Pro sinnvoll ist
Der Aufpreis vom Full Set zum Pro ist mehr als das Doppelte. Er lohnt sich in drei Fällen:
- PoE. Strom und Netzwerk über ein Kabel, komplett unabhängig vom Zielrechner – der sauberste Aufbau, den es gibt.
- Gigabit statt 100 Mbit. Wenn Du wirklich einen Desktop bedienen willst statt nur ein BIOS.
- Rack-Einbau. Das Rack-Gehäuse macht im Serverschrank einen Unterschied.
Für den klassischen Fall „Homelab-Node im Keller, den ich einmal im Quartal aus dem BIOS holen muss“ ist der Pro überdimensioniert. Da reicht das Full Set.
JetKVM: technisch der stärkste, aber schwer zu bekommen
JetKVM ist das Gerät, über das derzeit am meisten geschrieben wird – und das aus gutem Grund. Es wird per USB-C und HDMI mit dem Zielrechner verbunden, hängt per Ethernet am Netz und ist danach im Browser erreichbar. Laut Hersteller liefert es 1080p bei 60 Bildern mit 30 bis 60 ms Verzögerung über H.264 – deutlich flüssiger als die 90 bis 230 ms des NanoKVM.
Dazu kommen ein kleiner Touchscreen am Gerät, eine ATX-Erweiterung für Power- und Reset-Steuerung, vier verschiedene Wege der Stromversorgung und drei Zugriffsarten: lokal über die IP, über ein Cloud-Dashboard des Herstellers oder direkt per Gerätekennung.
Der Haken: Beide von uns geprüften Angebote auf Amazon.de sind derzeit nicht lieferbar. Wir führen JetKVM hier auf, weil es technisch überzeugt und die Verfügbarkeit sich ändern kann – aber kaufen kannst Du es dort im Moment nicht.
Zum Cloud-Dashboard noch ein Wort: Es ist bequem, bedeutet aber, dass der Weg zu Deinem Rechner über die Infrastruktur eines Dritten läuft. Wer das nicht will, nutzt den lokalen Zugriff und legt ein VPN darüber – siehe IP-KVM per Tailscale oder WireGuard.
PiKVM: die quelloffene Variante mit dem größten Funktionsumfang
PiKVM ist keine Hardware, sondern eine Software – ein Linux-Abbild für den Raspberry Pi. Die Hardware liefern Anbieter wie Geekworm als Aufsteckplatine.
Das Geekworm KVM-A3 ist für den Raspberry Pi 4 gedacht und läuft mit PiKVM V3. Es beherrscht den vollen Funktionsumfang: Rechner aus der Ferne ein- und ausschalten und neu starten, UEFI und BIOS konfigurieren, das Betriebssystem über ein virtuelles CD-Laufwerk oder einen virtuellen USB-Stick neu installieren, Tastatur und Maus per USB-OTG emulieren.
Was der Preis nicht enthält
Das Kit kostet rund 89 Euro. Dazu brauchst Du:
- einen Raspberry Pi 4 – der ist nicht dabei
- ein kräftiges Netzteil; Geekworm empfiehlt ausdrücklich 5 V bei 4 A, also 20 Watt
- eine microSD-Karte für das Abbild
Realistisch landest Du bei 150 bis 170 Euro – also im Bereich des NanoKVM Pro, aber mit mehr Arbeit. Der Bausatz lohnt sich vor allem dann, wenn ein Pi 4 ohnehin ungenutzt herumliegt. Die Anleitung dazu steht unter PiKVM selbst bauen.
Es gibt mit dem KVM-A4 auch eine Variante für den Raspberry Pi Zero 2 W. Die ist kompakter und günstiger, nutzt aber PiKVM V2 und ist in Leistung und Funktionsumfang beschnitten.
Was wirklich den Ausschlag gibt
Nach dem Datenblatt entscheidet man falsch. Diese vier Fragen führen zuverlässiger zum passenden Gerät:
1. Wie kommt der Rechner wieder an?
Ein IP-KVM ohne ATX-Steuerung hilft nicht, wenn die Maschine aus ist. Alle drei Systeme können das – aber jeweils über ein Zusatzkabel oder eine Erweiterung, die separat verkauft wird. Prüfe vor dem Kauf, ob sie im Lieferumfang ist.
2. Woher kommt der Strom?
Hängt das IP-KVM per USB am überwachten Rechner, geht es mit ihm aus. Für einen Notfallzugang ist das die falsche Richtung. Eigenes Netzteil oder – am besten – PoE.
3. Willst Du basteln oder soll es laufen?
Das ist die ehrlichste Frage. PiKVM gibt Dir volle Kontrolle, eine sehr aktive Gemeinschaft und regelmäßige Aktualisierungen – dafür musst Du zusammenbauen, ein Abbild schreiben und gelegentlich Hand anlegen. NanoKVM ist in zehn Minuten betriebsbereit.
4. Wie viele Rechner sollen es sein?
Pro Rechner ein Gerät ist der Normalfall. Bei mehr als drei oder vier Maschinen wird es unübersichtlich und teuer – dann lohnt der Blick auf einen KVM-Switch vor dem IP-KVM oder auf Server-Hardware mit eingebautem Management. Beides ordnet KVM-Switch, KVM-Extender oder IP-KVM? ein.
Und die Alternative, die nichts kostet
Bevor Du irgendetwas kaufst: Sieh nach, ob Deine Hardware es schon kann. Server-Mainboards von Supermicro, Dell, HPE, Lenovo und ASUS bringen Baseboard-Management mit – IPMI, iDRAC oder iLO. Das ist funktional ein eingebautes IP-KVM, oft mit mehr Möglichkeiten als jedes externe Gerät.
Erkennungsmerkmal: ein zusätzlicher Netzwerkport, der im Betriebssystem nicht auftaucht. Bei Consumer-Mainboards fehlt das praktisch immer, bei ASUS lässt es sich teilweise per Erweiterungskarte nachrüsten. Der vollständige Vergleich steht unter IPMI, iDRAC, iLO oder externes IP-KVM?.
Empfehlung
| Ausgangslage | Empfehlung |
|---|---|
| Erstes IP-KVM, soll einfach laufen | NanoKVM Full Set |
| Möglichst günstig, Gehäuse egal | NanoKVM Lite Set |
| Rack, PoE oder 4K gewünscht | NanoKVM Pro |
| Raspberry Pi 4 liegt herum | PiKVM mit KVM-A3 |
| Maximale Kontrolle, quelloffen | PiKVM |
| Server mit extra Netzwerkport | erst IPMI prüfen, oft kein Kauf nötig |
Häufige Fragen
Was ist der praktische Unterschied zwischen 90 ms und 30 ms Verzögerung?
In BIOS-Menüs und auf der Textkonsole merkst Du beides kaum. Spürbar wird es, sobald ein Mauszeiger im Spiel ist: Bei 200 ms zielt man neben Schaltflächen, bei 50 ms arbeitet es sich fast normal.
Brauche ich 4K?
Für den Notfallzugang nein – BIOS-Oberflächen sind niedrig aufgelöst. Sinnvoll wird 4K nur, wenn Du regelmäßig einen grafischen Desktop über das IP-KVM bedienst.
Kann ich ein IP-KVM an mehreren Rechnern verwenden?
Umstecken geht immer. Automatisch umschalten nicht – dafür bräuchtest Du einen KVM-Switch zwischen IP-KVM und den Rechnern, was die Kette aber fehleranfälliger macht.
Funktioniert das auch mit einem Mac?
Bild und Eingaben ja, sofern ein HDMI-Ausgang vorhanden ist. Was nicht geht: Firmware-Ebenen, die Apple absichert – etwa der Wiederherstellungsmodus mit Tastenkombinationen beim Start.
Ist das NanoKVM-USB dasselbe wie das NanoKVM?
Nein. Das USB-Modell ist ein lokales Werkzeug: Es hängt an einem Rechner, den Du bedienst, und erfasst Bild und Eingaben eines zweiten. Es bringt keinen Netzwerkzugang mit. Die Produktbeschreibungen der beiden Modelle sind auf Amazon teilweise durcheinandergeraten – achte auf den Modellnamen, nicht auf den Beschreibungstext.
Fazit
Für die meisten ist das NanoKVM Full Set die richtige Wahl: rund 69 Euro, in zehn Minuten einsatzbereit, deckt den Notfallzugang vollständig ab. Wer PoE, Gigabit oder Rack-Einbau braucht, nimmt den Pro. Wer ohnehin einen Raspberry Pi 4 übrig hat und gern selbst baut, fährt mit PiKVM am flexibelsten – muss aber die Gesamtkosten ehrlich rechnen.
JetKVM ist technisch das interessanteste Gerät der drei, derzeit aber nicht lieferbar. Und bevor Du überhaupt bestellst: Prüfe, ob Deine Hardware bereits ein Management-Interface mitbringt.
Steht die Entscheidung, geht es weiter mit NanoKVM einrichten oder PiKVM selbst bauen – und danach unbedingt mit IP-KVM absichern.
